Gentechnikfreier Landkreis Starnberg in Gefahr

Rund 30 interessierte Bürgerinnen und Bürger folgten am Dienstagabend der Einladung der AG Landwirtschaft der Bürgerbeteiligung Berg e.V. zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung über die sogenannte Neue Gentechnik im Katharina-von-Bora-Haus.

Nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Code of Survival“ von Bertram Verhaag informierten Christoph Then (Testbiotech), Christiane Lüst (Öko & Fair Gauting), Rosi Reindl (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) sowie Michael Friedinger (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter) über die aktuellen Entwicklungen rund um die geplante Deregulierung von Pflanzen aus Neuer Gentechnik auf EU-Ebene.

Im Anschluss nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, den Referenten Fragen zu stellen. Dabei entwickelte sich ein intensiver Austausch über die möglichen Folgen der geplanten Gesetzesänderungen für Landwirtschaft, Umwelt, Saatgutvielfalt und Verbraucherrechte.

Im Mittelpunkt des Abends stand die bevorstehende Abstimmung im Europäischen Parlament, die nach aktuellen Planungen bereits am kommenden Mittwoch stattfinden soll. Die Referenten warnten eindringlich vor den Folgen einer Deregulierung und sehen den gentechnikfreien Landkreis Starnberg sowie die in Bayern geltenden Schutzregelungen in Gefahr.

Besonders kritisch bewertet wurde, dass viele Pflanzen aus Neuer Gentechnik künftig ohne umfassende Risikoprüfung, ohne Rückverfolgbarkeit und ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen könnten. Verbraucherinnen und Verbraucher hätten dann keine Möglichkeit mehr zu erkennen, ob Lebensmittel mit Neuer Gentechnik hergestellt wurden.

Anhand aktueller Beispiele erläuterten die Referenten die Möglichkeiten neuer Verfahren wie CRISPR/Cas. Diese erlaubten gezielte Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen und könnten beispielsweise Blütenformen, Blühzeiten oder die Zusammensetzung von Duft- und Lockstoffen verändern. Die Referenten verwiesen dabei auf das über Millionen Jahre entstandene Zusammenspiel zwischen Blütenpflanzen und bestäubenden Insekten. Bienen und andere Bestäuber sind auf bestimmte Blühzeiten, Farben, Düfte und Nahrungsangebote spezialisiert und tragen gleichzeitig entscheidend zur Fortpflanzung vieler Pflanzen sowie zur Sicherung landwirtschaftlicher Erträge bei. Veränderungen an diesen Eigenschaften könnten daher nicht nur einzelne Pflanzenarten betreffen, sondern auch Auswirkungen auf Insektenpopulationen, Wildpflanzen und ganze Ökosysteme haben. Nach Einschätzung der Vortragenden sind die Folgen solcher Eingriffe bislang nicht ausreichend erforscht. Mehrfach wurde auf die Bedeutung des erfolgreichen Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ hingewiesen. Mit Artikel 11b des Bayerischen Naturschutzgesetzes wurde festgeschrieben: „In Bayern ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verboten.“ Die Referenten äußerten die Sorge, dass die geplante Deregulierung auf EU-Ebene diese Schutzregelung faktisch aushebeln könnte.

Auch die wirtschaftlichen Folgen für die Landwirtschaft waren Thema. Michael Friedinger verwies auf die zunehmende Konzentration auf dem Saatgutmarkt und die Gefahr zusätzlicher Belastungen für kleine, mittelständische und Biobetriebe. „Im Landkreis Starnberg gibt es heute 48 Biobetriebe. Ohne Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit wird es zukünftig keine Bio-Landwirtschaft mehr geben.“

Kritik äußerten die Referenten zudem an der Rolle führender CSU-Europapolitiker bei den laufenden Verhandlungen in Brüssel. Nach ihrer Auffassung stehen die dort vorangetriebenen Deregulierungspläne im Widerspruch zum Ziel eines gentechnikfreien Bayerns.

Zum Abschluss riefen die Veranstalter dazu auf, sich vor der anstehenden Abstimmung an Europaabgeordnete zu wenden, Aktionen von Testbiotech (testbiotech.org/mitmachen) zu unterstützen und auch lokale Mandatsträger aufzufordern, sich für den Erhalt einer gentechnikfreien Landwirtschaft in Bayern und im Landkreis Starnberg einzusetzen.

Martin Ballmann
für die AG Landwirtschaft & Nahversorgung

Martin Ballmann
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